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Lesestoff

13.09.2017

Einstürzen Neubauen. - Gastbeitrag

Aus der Kategorie: Lesestoff

"Als das Fürther Team im Anschluss an das abermals verlorene Duell gegen Ingolstadt in einer Art unfreiwilligen Polonaise um den Mittelkreis des Ronhofs irrt, gibt es unfreiwillig das Symbolbild zu den vergangenen Wochen ab. Konfus, überzeugungs-, orientierungs- und führungslos. Ratlos betrachtete man von draußen das Geschehen, beobachtete man den verunsichert zaghaften Anerkennungsapplaus in Richtung der größtenteils bereits gähnend leeren Tribünen. Unweigerlich steht beinahe jedem weiß-grün Gekleideten Enttäuschung und Resignation ins Gesicht geschrieben, einige üben sich im Galgenhumor. Wo noch zum Anpfiff eine Debatte über böse Pyrotechnik, veruntreute Choreospenden und die anscheinend selbstverliebte Ultrabewegung die Gespräche der kommenden Tage zu dominieren schien, verlagerte sich die Tragweite der Diskussion innerhalb von etwas mehr als 90 Minuten: Vier Spiele, allesamt in den Sand gesetzt. Und jetzt? Wie soll es weitergehen? Ist einfach nicht mehr drin?


Mach kaputt was dich kaputt macht

Viel wurde im Anschluss über den Trainer diskutiert. Ist er noch der Richtige? Erreicht er die Mannschaft noch? Das Übliche eben, die Mechanismen der chronischen Erfolgslosigkeit greifen im ergebnisorientierten Profifußball unnachgiebig um sich. Am Ende war die Entscheidung schneller gefallen, als man es ob der gewohnt deeskalierenden Aussagen der sportlichen Leitung erwarten durfte: Radoki entlassen, ein Sieg aus den letzten zwölf Ligabegegnungen war nicht nur in den Augen der Vereinsführung kein beschwichtigendes Urteil mehr wert.

Mehr als ein erstes Indiz der bevorstehenden Entlassung wurde bereits kurz vor der Bekanntgabe medial öffentlich:

Stimmen aus dem Umkreis der Profimannschaft berichten noch heute von einem gängigen Auslaufprogramm im Nachgang des Ingolstadt-Heimspiels. Augenzeugen und Pressevertreter sprechen dagegen von einem Trainingsstreik, in dessen Rahmen sich die Mannschaft des von Schleifer Radoki angedachten, anschließenden Trainingsprogramms verwehrte. Nun ist ein Streik offensichtlich stets eine der letzten und drastischsten Eskalationsstufen in einem kollektiv ungehorsamen Aufbegehren gegenüber Obrigkeiten und Autoritäten. Dementsprechend groß dürfte man den angestauten Frust auf Seiten der Mannschaft einschätzen. Ungeklärt bleibt, ob aus dem Mannschaftskreis das Bestreben bestand, das Zerwürfnis mit ihrem Vorgesetzten auf einem etwas konventionelleren Weg intern zu klären. Schließlich muss es auch in einer Abteilung für Profisport Wege und Möglichkeiten geben, Konflikte zu lösen. Als Rädelsführer der Revolte wurde kurzerhand, etwas unpräzise formuliert, der Kreis der Führungsspieler benannt. Der Boulevard machte – zugegebenermaßen wenig überraschend – unter anderem Jurgen Gjasula verantwortlich. Was zunächst wie ein aus verwöhnter Bequemlichkeit geborener Schnellschuss wirkte, wurde wenige Stunden darauf zu Radokis großem Stolperstein. Die Reaktionen in den sozialen Netzen spalteten die Reaktionen in zwei eindeutige Lager:

Entsetzen und Verständnis. Der große Heilsbringer, Liebling der Massen – Geschichte.

Alleine die sportliche Negativentwicklung hätte die Entlassung, mit einem verblüffend parallelen Verlauf im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, bereits vollumfänglich legitimiert. Die bereits angesprochene Bilanz ist dann doch nicht ganz die anvisierte Ausbeute der Spielvereinigung, unabhängig vom „großen Schaffen“. Was ungeachtet dieser Tatsache nun im Nachhinein über Radokis Methoden hinter den Kulissen durchsickert, lässt die Fassade des umgänglich erscheinenden Radokis nachhaltig bröckeln. Martin Meichelbeck soll er demnach aufgrund seiner unerwünschten Nähe und des daraus resultierenden Einflusses auf den Mannschaftskreis aus dem Trainingszentrum zwangsversetzt haben. Eine seltsame Entscheidung wenn man bedenkt, dass ein psychologisch geschulter Ansprechpartner eigentlich in genau dieser Konstellation zum Team stehen sollte. Die langjährige Physiotherapeutin ereilte ein ähnliches Schicksal, auch sie war wohl mit einem zu direkten Draht zu vielen Spielern ausgestattet. Schon zu A-Jugend Zeiten sollen Umgangsformen an der Tagesordnung gestanden haben, die bei den Spielen beiwohnenden Elternteile anscheinend verwunderten, ob sie sich verhört haben könnten. Verwunderlich ist nur, warum diese Beobachtungen erst nach der Entlassung öffentlich wurden. Wahrscheinlich wird die Wahrheit über die exakten Vorkommnisse nie bekannt werden. Wurde Radokis Entlassung wirklich durch einen Spielerstreik angestoßen? Gab es diesen Streik überhaupt? Hätte Radoki ohne den Profi-Ungehorsam möglicherweise seinen Job noch mindestens über die Länderspielpause hinweg fortführen dürfen? War Radoki hinter der öffentlichen Fassade ein anderer Charakter, der wenig Kompromissbereitschaft an den Tag legte?

Am Ende scheiterte Radoki wohl hauptsächlich am Missglücken seiner Feuerwehrmann-Weiterbildung. Radoki reparierte und reagierte, aber Radoki entwickelte nicht ausreichend.


Alte Welt, neuer Traum

Radokis Amtszeit ist beendet und der Verein hat nun die Möglichkeit, einen neuerlichen Reset zu initiieren. Vielleicht müssen die eigenen Ambitionen fürs Erste auch wieder zurückgefahren werden und bewusst ein Umbruch über sämtliche Ebenen des Organigramms hinweg herbeigeführt werden. Die Strukturen der Spielvereinigung und deren personelle Besetzung bedürfen spätestens jetzt einer sorgfältigen, konsequenten Überprüfung. Denn wer denkt, dass man mit dem kurzerhand angestoßenen Austausch eines einzelnen Angestellten tieferverwurzelte Probleme beseitigen kann, der irrt ebenso, wie die notorischen Hack-an-allem-Verantwortlichmacher. Hinwegtäuschen und Ablenken kann ein Trainerwechsel stets, strukturelle Missstände werden aber auch einen neuen Trainer und eine eventuell erneut veränderte Mannschaft innerhalb einer absehbaren Zeitspanne mit einer grundlegenden Crux konfrontieren. Denn sind wir ehrlich – dass seit der verlorenen Relegation keine Kombination aus Kader, Trainer und Sportdirektor (beziehungsweise Manager) Kontinuität und Erfolg über einen nennenswerten Zeitraum ermöglichen konnte, kann nicht ausschließlich mit mangelnder fußballerischer Qualität der Mannschaft erklärt werden. Auch, aber nicht ausschließlich.
Klar sollte nun ebenfalls sein: Auch und aus meiner Sicht insbesonders Sportdirektor Ramazan Yildirim muss nun stärker denn je im Fokus stehen. Radoki, den er mindestens in der Rolle einer helfenden Hand absägte, war sein erster Trainer. Der erste Trainer, den er in seiner neuverliehenen Position installierte und dem er sein Vertrauen schenkte. Ein Vertrauen, das nach rund neun Monaten bereits wieder abrupt entzogen wurde. Der neue Trainer, egal ob er dann Zinnbauer, Matthäus oder Mourinho heißen wird, dürfte die letzte Patrone in Yildirims Revolver sein. Und die sollte tunlichst sitzen, denn eine dritte Entlassung in seiner noch überschaubar langen Amtszeit würde auch auf seine Person zurückgeführt werden. Zurecht.

Sicherlich: Seine diesjährigen Sommertransfers – so er sie denn dann auch tatsächlich federführend in die Wege leitete – sehen auf dem Papier vielversprechend aus und weisen unter dem Strich ein deutlich positives Kontosaldo auf. Die Qualität des Kaders ist im Ligavergleich schwer in einen konkreten Tabellenbereich umzumünzen, sollte aber dennoch einen einstelligen Tabellenplatz als grundsätzlich realistisch erscheinen lassen. Auf der anderen Seite hat Yildirim eben diese Spieler verpflichtet, die nun den unliebsam gewordenen Trainer eigenhändig abgesägt haben sollen. Das stünde offensichtlich in einem eklatanten Spannungsverhältnis zum betonten Abklopfen potentieller Neuzugänge auf integre Charaktereigenschaften.

Wie passt der kolportierte Klatsch von vermeintlich versteckten Rädelsführern und Egomanen innerhalb des Kaders zu dieser Prämisse, Herr Yildirim? Offen bleibt bisher auch die Frage, wem das Ausbleiben einer Kollektivbildung angekreidet werden muss: Dem Manager, da sein Personalpuzzle kein zufriedenstellendes Gesamtmotiv ergibt? Oder dem Trainer, der es nicht verstand, die charakterlichen und fußballerischen Wechselwirkungen seines Kaders gewinnbringend aneinander/aufeinander auszurichten?

Fragestellungen, die eigentlich nicht unbeantwortet bleiben dürften. Nur – wer hat daran überhaupt Interesse?
Unter Zugzwang steht nun auch die weiß-grüne Profimannschaft. Insofern wirklich die Mannschaft den ausschlaggebenden Impuls zur Entlassung Radokis beisteuerte, muss sie jetzt beweisen, dass die Besetzung des Cheftrainers tatsächlich der entscheidende Hemmschuh auf dem verstellten Weg zu konstant guten Leistungen war. Sie muss beweisen, dass sie nicht aus dem Motiv der bequemen, verwöhnt arbeitsscheuen Söldnermentalität heraus agierte, mit dem Ziel den anstrengenden, fordernden Übungsleiter zu schassen. Ihr muss bewusst sein, dass nun alle entschuldbaren Alibis über Bord geworfen wurden. Ihr muss bewusst sein, dass jetzt sehr genau darauf geachtet werden wird, mit welcher Mentalität die viel zitierten kommenden Aufgaben angegangen werden. Und jedem Einzelnen muss bewusst sein, dass er sich entweder vollumfänglich unterordnet, oder aussortiert werden wird. Ungeachtet von Namen, ungeachtet vom persönlichen Status.
Das Kuriose: Der Streik würde die bisher stärkste Kollektivleistung der Saison darstellen. Natürlich – Nachwuchsleute wie auch Mitläufer werden sich im Zweifel eher ihren tonangebenden Mannschaftskollegen anschließen, als die Rundum-Revolte gegen die möglicherweise noch jahrelangen Kollegen und den Coach gleichermaßen auszurufen. Niemand wird sich freiwillig zwischen die Stühle setzen, auch wenn er ein noch so schlechtes Gewissen haben sollte. Trotzdem würde man sich diesen geschlossenen Gesamteindruck auch auf dem Feld wünschen. Einstehen für ein gemeinsames Ziel scheint ja dann augenscheinlich doch nicht arg fern zu liegen.

Schlussendlich muss darüber hinaus noch festgehalten werden, dass solche Spielerrevolten in Zeiten flukturierender Erpressungs- und Machtspielchen nur eine weitere, ergänzende Episode der vom Fan distanzierenden Entwicklungen im modernen Fußball darstellen. Ob der betreffende Spieler dann Dembélé oder Sabiri heißt, oder eben eine Mannschaft im Kollektiv die Erfüllung des eigenen Willens erpresserisch einfordert, spielt beinahe keine Rolle mehr. Bedauerlich, befremdlich.

Auch die Spielvereinigung geht ebenfalls nicht ohne Delle aus den letzten Wochen hervor, schließlich untergräbt man die Glaubwürdigkeit der initiierten „Gemeinsam“-Kampagne gehörig. Wir erinnern uns: Die Vertragsverlängerung Radokis wurde den Dauerkarteninhabern, in ihrer Funktion als mentalitätsübergreifendes Rückgrat der Anhängerschaft, vorab exklusiv per Mail mitgeteilt. Der Aufhänger damals: „Wir bleiben ein Team!“. Wo man schon kaum mehr Identifikationsfiguren auf dem Rasen vorfindet, schien mit Radoki lange Zeit zumindest wieder ein Mann an der Seitenlinie zu hantieren, der nicht nur den Fußballsport und dessen diffizile Stellschräubchen verstand, sondern auch Fans und Verein. Gerade in Fürth, wo man Mentalität und Vereinsphilosophie erst verstanden haben muss, ein Faustpfand. Er sprach unsere Sprache, wusste welche Impulse er setzen, welche Worte er aussprechen musste, um die fest angezogene Begeisterungshandbremse Stück für Stück lockern zu können. Es ist schon fast die Ironie des Schicksals, dass es im wesentlichen Maße genau daran in der Kabine scheitere. Nun, da das verkrachte Verhältnis zwischen den wichtigsten sportlichen Parteien erstens bekannt wurde und zweitens gehörig eskaliert ist, wird „Gemeinsam!“ in der breiten öffentlichen Wahrnehmung wohl vom idealistischen Versprechen zum frommen Besserungswunsch deklassiert. Präsident Hack bestätigte in einem Zeitungsinterview, die erkannte Problematik schon vor Wochen unter Einbeziehung der diversen Instanzen im Verein angegangen zu haben. Also scheint der Kerngedanke „Gemeinsam!“ durchaus weiterhin gelebt zu werden, lediglich abhängig gemacht von den Mechaniken des Profisports. Trotzdem muss nun stärker denn je bewiesen werden, dass Gemeinsam mehr ist, als eine PR- und Vertriebshülse.


Einstürzen! Neubauen!

Wenn Yildirim und Hack in gegebenen Interviews ein grobes Anforderungsprofil umreißen und dabei die Stichworte „Selbstvertrauen besitzen“, „Potential ausschöpfen“ und „Kompetenz geben“ angesprochen werden, macht das zunächst einen passenden Eindruck. Ich bin da persönlich auch ehrlich – mir ist es mittlerweile relativ, wer da demnächst das Sagen haben soll. Klar, jeder hat so seine persönlichen Wunschkandidaten, schließlich hat man hier und da bereits medial etwas von den meisten verfügbaren und realistischen Trainerpostenoptionen mitbekommen. Man hat mal ein Interview mit der entsprechenden Person gesehen oder die Arbeit dieser Person anhand kurzer Zusammenfassungen im samstäglichen Sportstudio kategorisiert. Folglich ist bei der Kandidatenbewertung persönliche Sympathie stets das maßgebende Kriterium. Ein Dirk Schuster beispielsweise wird mit Trainingsmethoden a la rosa Tutu für Trainingsfaule hier nicht so lange Spaß haben wie im einfach gestrickten Darmstadt, bevor die Ersten – völlig zu Recht – auf die zugrunde liegende Diskriminierung hinweisen werden. Ein Zinnbauer darf nach Meinung einiger Anhänger ohnehin kein ernstzunehmender Kandidat sein, soll er doch „bekennender“ Schwarz-Roter sein und der Sohn Heimspiele der Ruhmreichen in vorderster Ultra-Front besuchen.

Ich persönlich weiß gar nicht mehr, ob ich mir solcherlei Mäkelei noch herausnehmen möchte. Auch wenn ich gemeinhin ebenfalls Wert auf Inhalt und Form lege, würde ich diesen Maßstab gar nicht mehr zwingend an einen neuen Trainer anlegen wollen. Ja, Identifikation mit dem Personal ist aus Fanperspektive ein wichtiger Faktor, aber die Aktualität beim Kleeblatt hat mir auch gezeigt: Am Ende ist der sportliche Erfolg der Mittel heiligende Zweck, mit dem alles steht und fällt. Ich würde mir wünschen, dass ich mich wieder auf die Spiele meines Vereins freuen kann. Dass ein anstehendes Spiel nicht permanent die Befürchtung weckt, sich am Wochenende mindestens für neunzig Minuten ärgern zu müssen. Wenn der neue Trainer das schaffen könnte und darüber hinaus wieder den nötigen Biss und die Siegermentalität in der Mannschaft wecken kann, wäre ich schon zufrieden. Vielleicht geht es dem Team ja ähnlich."

Quelle: https://positiverlebnis.com/2017/09/01/einstuerzenneubauen/

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